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 In der Stille des Winters

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Alan a Dale
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BeitragThema: In der Stille des Winters   So März 13, 2011 1:59 pm

Noch immer schneit es.

Unermüdlich strudeln die Flocken aus der endlosen Tiefe des eisgrauen Himmels über uns und verwischen den Pfad und die Welt um uns herum zu einer bloßen Ahnung. Lautlos, als sei jede einzelne von ihnen ein gefrorener Ton, sinken sie nieder und bedecken die Erde mit ihrem Schweigen.

Gewöhnlich ist es eine friedliche Stille, wie ein Teppich aus Geräuschlosigkeit, der jeden Laut verschluckt, bis es jemand wagt und zu singen beginnt. Oft genug bin ich das gewesen, denn das Gefühl, diese jungfräulich wartende Stille zu füllen, hat etwas Unbeschreibliches.

Diesmal jedoch höre ich nur das keuchende Geräusch meines Atems, das mir die Ohren füllt. Das gedämpfte Stampfen der Hufe hinter mir und das leise Klingeln der beiden Glöckchen, die ich meinem Tier zur Sicherheit ans Halfter gebunden habe. Singen kostet zu viel Kraft, die ich brauche, um voran zu kommen. Es scheint mir ewig, dass wir schon unterwegs sind und die Zweifel, mein Ziel zu erreichen, wachsen mit jedem Schritt, der mich knietief im Schnee versinken lässt, als wate ich durch Treibsand.

Mittlerweile sind meine Beine bis weit über die Knie hinauf durchnässt und mein Gesicht brennt wie Feuer dort, wo die eisige Luft sich scharf in die Haut gräbt. Was gäbe ich nicht darum, jetzt an einem Herd zu sitzen und mich im Schein der Flammen aufzutauen. Der Winter hat etwas Unerbittliches bekommen. So kalt war es schon lange nicht mehr und jeder, der einen Funken Vernunft in seinem Schädel hat, bleibt zu Hause in seiner Hütte und lässt sich von seinem Weib versorgen.

Ich bin nicht vernünftig. Alles andere als das.

Ich weiß es. Meistens.

Manchmal aber auch nicht.

Denn manchmal ist es einfach da, das Gefühl, fort zu müssen, jetzt gleich. Meist ist es nicht Winter dann, aber diesmal war es so. Dann ist da eine Sehnsucht, die mich lockt und ruft und der ich folgen muss, wenn ich nur irgendwie kann. Nur unter offenem Himmel lässt es sich frei atmen. Nirgendwo sonst kann man das Leben so spüren, als wenn man sich treiben lässt und jedes Heim, das einen aufnimmt, vorübergehend zum eigenen wird.

Ich weiß, Felicia versteht es nicht wirklich. Ich sehe es an ihrem Blick, höre es aus ihren Bemerkungen. Vielleicht enttäusche ich sie. Vielleicht ist sie verletzt. Bisher jedoch war ihr Herz groß genug, mir zu verzeihen. Mich zurück zu nehmen, wenn ich wieder kam. Doch diesmal....

Diesmal bin ich mir nicht sicher.

Ich war lange fort....länger als normalerweise, wenn ich alleine gehe. Länger, als ich eigentlich vor gehabt habe. Länger als vielleicht gut ist...

Ein Schrei lässt mich jäh aufsehen. Schräg vor uns jagen plötzlich zwei Krähen aus den Bäumen heraus und wischen wie dunkle Schatten durch die Winterlandschaft.

Ich verharre und spüre plötzlich schmerzhaft schwer, wie mein Herz das heiße Blut durch meinen Körper treibt. Reglos starre ich auf die Lücke zwischen den Bäumen. Das Dämmerlicht dort enthält das Versprechen tausender Dämonen.

Eine Bewegung. Wie ein Schatten. Ein leises Rascheln von Zweigen. Meine klammen Finger schlüpfen unter den Mantel und tasten nach dem Knauf meines Schwertes. In meiner Brust flattert es wild.

Es ist ein Fuchs, der Pelz wie rostrotes Feuer, welcher lautlos und unbekümmert aus dem Dickicht trottet, einen zerfledderten Vogel in der Schnauze. Kurz blickt er sich um, als wolle er sich vergewissern.

Geräuschvoll lasse ich den Atem entweichen. Nur ein Fuchs. Augenblicke später ist er wieder verschwunden.

Bevor ich das Seil meines Tieres wieder anziehe, um weiter zu gehen, werfe ich einen prüfenden Blick zurück. Der Junge sitzt still auf Melodys Rücken, eine Haube aus Schnee auf der Decke, in die er gewickelt ist. Er starrt mich an und ich starre zurück.

Hat er gesehen? Weiß er, wovor ich Angst habe? Hat er auch Angst?

Ich kann ihn nicht fragen, obwohl ich es gerne würde.

****


„Das Balg ist stumm.“

„Stumm?“ Ich betrachte den dreckstarrenden, unscheinbaren Jungen, den der Bauer fest gepackt in meine Richtung geschoben hat. Das Kind sieht schrecklich dürr aus, mit Haar von einer undefinierbar schmutzigen Farbe, das wohl die Brutstätte zahlreichen Ungeziefers ist. Der Griff des Mannes scheint weh zu tun, denn das Gesicht des Burschen ist verzerrt. Die Wangen sind eingefallen, und von einer grauen ungesunden Farbe, die es schwer macht, sein Alter zu schätzen. Doch er gibt keinen Laut von sich, sieht mich nur an.

Und als mir seine Augen begegnen, sehe ich mich selbst.

Für Augenblicke ist da etwas, das ich nicht benennen kann. Ein Schreck. Eine Ahnung. Ein Gefühl, das mein Herz still stehen lässt.

„Bezahl für ihn und du kannst ihn haben. Zwei Schillinge und du kriegst ihn. Ich hab keine Verwendung für einen wie ihn...er frisst mir nur die Haare vom Kopf. Einer wie du hingegen....“ Der Blick des Bauern ist von jener abschätzigen Sorte, der ich anschließend gerne ein Spottgedicht widme, „...ihr Gauklervolk könnt doch solches Kroppzeugs brauchen.“

„Er...er ist stumm...“, wage ich einzuwenden. Es ist absurd. Es kann nicht sein. „Ich bin Sänger....“

„Na und?“ Der Mann braust auf. Ich kenne ihn. Ein freier Bauer von der Sorte, der das Bier schal werden lässt, wenn man ihm zuprostet. Als ich das letze Mal hier gewesen bin, habe ich es glücklich vermeiden können, ihm mehr als einmal zu begegnen. Sowieso lag mein Interesse damals an völlig anderer, weitaus angenehmerer Stelle.

Das Kind gibt ein leises Wimmern von sich, als er es packt und brutal an den Lappen reißt, die unter dem Kittel um die Beine gewickelt sind. „Dann lass ihn für dich tanzen, stell ihn aus oder lass ihn dein Bett wärmen, die Leute haben doch gern was zu gaffen!“

Ich starre auf die schlecht verheilten Wunden, die das dürre Bein des Jungen bis über das Knie hinauf überziehen. Ein übler Gestank kommt mir entgegen und ich muss schlucken, um mich nicht an Ort und Stelle zu übergeben. Schnell schaue ich fort.

„Was...was ist passiert?“ Meine Stimme scheint von weit weg zu kommen. Vor meinen Augen flimmert es.

„Er war zu dumm, den Suppenkessel zu tragen. Seine Hure von Mutter hatte die Dreistigkeit, sich zuvor ins Bett zu legen und zu sterben. Seitdem macht er das Maul nicht mehr auf und ich soll das Balg nun durchfüttern? Sie hat sich den Bastard anhängen lassen! Was soll ich mit ihm? Er ist zu nichts mehr zu gebrauchen!“ Die Hand des Bauern gestikuliert wild, während er immer lauter zu geifern beginnt. „Es ist die reinste christliche Nächstenliebe, dass ich ihn nicht längst davon gejagt habe!“

Ich unterdrücke ein spöttisches Schnauben und nicke. Dann überwinde ich mich und frage: „Wer....wer war seine Mutter?“

Ein Knurren. „Eine meiner hörigen Mägde. Du kennst sie nicht. Wieso? Erwartest du vornehmes Blut?“

Ich schüttle den Kopf. „Nein.“

Das Wort kommt nur schwer über meine Lippen. Ich senke den Kopf und sehe in die Augen des Jungen. Nackte Angst steht darin.

Ich kannte sie. Ich weiß es. Sie war einmal hübsch und lebensfroh.

Der Gedanke tut weh.

„Ich werde ihn mitnehmen.“ Es gibt keine Frage, kein Zögern mehr. Fordernd strecke ich die Hand nach dem Kind aus und will es zu mir her ziehen.

Über die Miene des Bauern huscht das verzerrte Grinsen eines Triumphes und er packt den Jungen am Kittel „Bezahlung?“ Verlangend hält er mir die offene Hand entgegen. „ Zwei Schillinge ist nicht zu viel, er ist noch jung.“

Ich habe kein Geld bei mir. Jedenfalls nicht so viel. Aber Empörung ist da und leise, schleichende Wut auf den Mann, der mit dem Leben des Kindes schachert. Ich straffe mich und nehme den Kerl fest in den Blick. „Sicher ist es nicht zu viel. Kennst du Robin Hood? Weißt du? Wer er ist?“

Der plötzliche Wechsel in der Miene des Mannes gibt mir Genugtuung. Unvermittelt lauert dort Vorsicht. „Ja, warum?“

„Ich werde dafür sorgen, dass er von deiner Mitmenschlichkeit erfährt. Er wird dich bezahlen.“ Ich lächle ihm leicht zu. „Und nun gib mir den Jungen!“

Ich halte seinen Blick und lasse wie von ungefähr meinen Mantel zur Seite fallen, so dass man den Schwertknauf dort sehen kann. Ich weiß vielleicht nicht wirklich, wie man es benutzt, aber ich weiß, wie man blufft.

****

Noch immer lässt der fallende Schnee um uns herum die Welt in Schweigen versinken. Stumm wie das Kind hinter mir auf dem Pferd. Langsam kriecht auch die Dämmerung zwischen die Bäume und lässt das Licht dort dumpf und unscharf werden. Immer häufiger stolpere ich. Das Laufen kostet meine letzte Kraft. Ich muss mich beeilen. Vielleicht...vielleicht schaffe ich es heute noch. Und dann?

Stets wenn meine Gedanken voraus eilen, schrecke ich zurück. Diesmal ist es anders als sonst. Habe ich noch ein Zuhause, das mich aufnehmen wird? Wird sie es verstehen? Vielleicht ist es besser, sie erfährt nicht alles.

Vielleicht....

Wieder sehe ich zurück, versuche mir vorzustellen, was Felicia sehen wird. Was sie sagen wird. Die Beklommenheit will nicht weichen.

Der Junge auf dem Pferd sitzt in sich zusammen gesunken und reglos. Stumm. Das Knirschen des Schnees unter unseren Füßen, das Knacken von Zweigen...inmitten von weißer, weiter Leere, die auf etwas wartet, während die Dunkelheit aufzieht.
Irgendwo in der Ferne beginnt ein Wolf zu heulen.

Das Geräusch geht mir durch Mark und Bein. Das Kind auf dem Pferd gibt einen wimmernden Laut von sich.

Andere würden jetzt vielleicht zu ihrem Schwert greifen. Ich aber beginne zu singen und gehe noch ein wenig schneller.


_________________
~ Das Wort ist stärker als das Schwert. ~

carpe diem. "Pflücke die Knospe, solange es geht,
Und die Blüten, wenn sie noch prangen."
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